Eine leise Erinnerung
Ich erinnere mich an das Gefühl, irgendwann aufgehört zu haben, wirklich ich selbst zu sein.
Nicht plötzlich.
Eher leise. Schritt für Schritt.
Ein bisschen angepasster hier.
Ein bisschen vorsichtiger dort.
Ein bisschen weniger fühlen, um besser durchzukommen.
Und irgendwann war da dieses diffuse Empfinden:
Ich funktioniere – aber ich spüre mich nicht mehr richtig.
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl.
Gerade dann, wenn wir selbst Kinder um uns haben, taucht es manchmal wieder auf.
In Momenten, in denen wir merken: Da ist mehr in uns. Etwas Echtes. Etwas Lebendiges.
Etwas, das gesehen werden möchte.
So, wie Kinder es uns zeigen. Ja gar spiegeln.
Kinder haben das, was wir oft im Laufe unseres Lebens verlieren: eine tiefe, natürliche Verbindung zu sich selbst. Sie spüren, was ihnen guttut. Sie folgen ihrer Neugier. Sie sind – solange wir es ehren und ihnen nicht absprechen – ganz nah an ihrer eigenen Magie.
Doch was viele vergessen: Dieses Kind verschwindet nicht. Es lebt in uns weiter.
Nicht als Idee. Nicht als Konzept.
Sondern als ein lebendiger Teil unseres inneren Erlebens.
Dein inneres Kind ist kein Konzept – es lebt in Dir!
Das, was wir „inneres Kind“ nennen, ist kein Konzept, mit dem wir arbeiten müssen. Es ist ein lebendiger Teil in Dir. Alles, was Du als Kind erlebt hast, lebt weiter – in Deinem Körper, in Deinem Nervensystem, in Deinen Gefühlen.
Unser Unterbewusstsein übernimmt in unserem Leben eine wichtige Aufgabe:
Es speichert Erfahrungen und macht daraus automatische Abläufe.
So müssen wir nicht jeden Tag neu lernen, wie wir gehen, sprechen oder unseren Alltag bewältigen. Dieser Autopilot ist sinnvoll. Er entlastet uns. Doch er speichert nicht nur Gewohnheiten – sondern auch emotionale Erfahrungen, die unverarbeitet sind. Und daraus erlernte Mechanismen, um damit umgehen zu könneen.
Das bedeutet: Auch alte Prägungen, Gefühle und Schutzstrategien wirken bis heute in Dir.
Warum wir uns selbst verloren haben
Als Kinder sind wir darauf angewiesen, dazuzugehören. Geliebt zu werden. Sicher zu sein. Wenn wir gespürt haben, dass bestimmte Seiten von uns nicht willkommen sind, haben wir begonnen, uns anzupassen.
Wir werden leiser.
Oder stärker.
Oder besonders angepasst.
Oder besonders kontrolliert.
Nicht, weil wir falsch sind – sondern weil wir einen Weg gesucht haben, durchzukommen.
Dabei haben wir oft etwas sehr Wesentliches verloren: die unmittelbare Verbindung zu uns selbst – zu unserem Kernwesen.
Als Erwachsene zeigt sich das manchmal als:
- das Gefühl, nur noch zu funktionieren
- innere Unruhe oder Druck
- eine leise Leere
- oder die Sehnsucht nach „mehr“, ohne genau zu wissen, was fehlt
Was fehlt, ist oft der Zugang zum eigenen Selbst – Du in deiner ursprünglichen Lebendigkeit. So wie wir es bei Kindern noch sehen dürfen, wenn wir sie frei sie selbst sein lassen.
Die Magie in dir ist immer noch da
Vielleicht kennst du diesen Satz von Pippi Langstrumpf:
„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“
Was, wenn das mehr ist als nur ein schöner Spruch? Was, wenn es wirklich bedeutet, dass alles, was in dir einmal lebendig war, noch da ist?
Deine Freude.
Deine Neugier.
Dein Gefühl für dich selbst.
Deine ganz eigene Art, die Welt zu erleben.
Ich sage dir: Es geht!
Denn diese Anteile sind nicht verschwunden.
Sie sind überlagert – von Erfahrungen, Anpassung und vielen äußeren Einflüssen, die wir verinnerlicht haben.
Doch unter all dem liegt immer noch dieses leuchtende, lebendige Sein.
Ein wichtiger Perspektivwechsel:
Du musst dein inneres Kind nicht bearbeiten. Nicht optimieren. Nicht „heilen“, weil etwas falsch ist. Du bist kein Projekt. Und dein inneres Kind ist kein Problem, das gelöst werden muss.
Es geht darum, dich wieder zu erinnern. Wieder wahrzunehmen, was in dir da ist. Kontaktaufnahme zu deiner inneren Welt, um dich dann nie wieder zu verlassen. Ein wundervoller Weg zurück zu dir!
Alles beginnt mit einem Lauschen.
Wie es dir wirklich geht.
Was du gerade brauchst. Und was sich in deinem Körper zeigt.
An Anteilen im Hier und Jetzt – und kindlichen Facetten, die in dir gesehen werden wollen.
Es geht Hand in Hand.
Eine kleine Übung: Begegnung mit Dir selbst
Nimm dir einen ruhigen Moment.
Wenn du magst, nimm dir ein Foto von dir als Kind zur Hand. Gern eins, wo du dich selbst drin erkennst. Lass deinen Blick weich werden – ohne etwas analysieren zu müssen.
Und frage dich:
- Wie erging es mir damals? Was davon kenne ich noch heute?
- Was braucht es von mir, was es damals nicht hatte?
- Was würde es mir sagen? Was hat es zu sagen?
Schließ gern die Augen und stell dir vor, dieses Kind steht vor dir. Du in deiner jüngeren Form.
Wie würdest du dir begegnen? Wie begegnet dir dein jüngeres Ich?
Vielleicht ist es etwas Kleines. Ein Blick. Eine Geste.
Die Äußerung eines Wunsches. Oder etwas, was auf dem Herzen liegt.
Beobachte, was sich in Dir zeigt. Kein Druck, kein Ziel.
Vielleicht ein paar Worte, die Du damals gebraucht hättest.
Vielleicht: „Ich sehe dich.“
oder
„Ich habe dich nicht vergessen.“
Ein kleines Momentum in Selbstverbindung mit dir.
Was sich verändert, wenn wir uns selbst wieder begegnen
Wenn wir beginnen, uns selbst innerlich zu begegnen, tritt langsam und mit der Zeit Veränderung ein.
Nicht unbedingt sofort. Nicht sofort im Außen.
Doch im Inneren entsteht mehr Raum. Und ein neuer Blick auf uns selbst.
Und eine neue Möglichkeit, uns selbst anders zu begegnen.
Mit Milde.
Mit Wohlwollen.
Mit Verständnis.
Für das eigene Sein.
Das eigene Fühlen.
Das ist nicht immer leicht und schön, wenn sich dann das zeigt, was lange verdrängt wurde.
Doch es ist ehrlich und wahr, mitsamt dem Schönen, dass es in sich trägt.
Und genau das spüren auch Kinder.
Denn Kinder lernen nicht nur durch Worte – sondern vor allem durch das, was wir sind.
Sie urteilen und unterscheiden nicht in gut und schlecht. Sie lernen das von uns, was wir ihnen vorleben.
Wenn wir wieder mehr in Verbindung mit uns selbst kommen,
laden wir auch sie ein, sich selbst nicht zu verlieren.
Im Regen wie im Sonnenschein.
Die Verbindung zu deinem inneren Kind ist kein Ziel, das du erreichen musst.
Es geht nicht darum, jemand Neues zu werden.
Sondern darum, dich wieder zu erinnern.
Und das anzuerkennen, was in dir ist.
Was schon immer in dir war.
Deine Tiefe.
Deine Lebendigkeit.
Ja, auch der Schmerz.
Und eben auch deine eigene Magie.
Das größte Wunder ist nicht irgendwo da draußen.
Sondern in dir.
Und es ist nie zu spät, es wiederzuentdecken.
Gastautorin Hannah Kraft
Mit einer Kombination aus systemischem Coaching, psychologischer Beratung und tiefgehender Energiearbeit begleitet Hannah seit vielen Jahren Menschen durch tiefe Wandlungsprozesse. Ihr Fokus liegt auf dem Erfahren, Begreifen und Erlösen der kindlichen Erinnerungen auf der emotionalen und physischen Ebene.
Die Stärkung der eigenen Wahrnehmung und Verbindung zu sich selbst ist ihr dabei ihr größtes Anliegen. Dazu teilt Hannah ehrliche und tiefe Impulse aus ihrer eigenen Geschichte und ihrem Weg des Erinnerns in ihrem Podcast und auf ihrem Instagram-Account „unverwunderbar“.







